talidu & GriffLinC – mit der Griffith University, Australien
Lehrkräftetypen
in einer Kultur der Digitalität
Wie gehen Grundschullehrkräfte mit digitalen und KI-gestützten Technologien um? Aus Interviews im deutsch-australischen Projekt talidu sind vier Typen entstanden. Sie zeigen, was Lehrkräfte antreibt, was sie bremst und was sie brauchen.
Wo stehst du? Selbst verortenWoher die Typen kommen
Im transdisziplinären Teilprojekt talidu haben Forschende, Entwickler:innen und Lehrkräfte gemeinsam eine KI-gestützte Rechtschreib-App für die Grundschule entwickelt und in den Unterricht eingebunden. talidu ist Teil des Forschungsprojekts L@digt.ED der Universität Regensburg in Kooperation mit der Griffith University in Brisbane.
Die Lehrkräfte waren dabei keine Testpersonen, sondern Mitgestaltende: Ein Inner Circle aus 13 Grundschullehrkräften aus Bayern und dem Großraum Brisbane brachte seine Expertise in die Weiterentwicklung der App ein – im Dialog auf Augenhöhe.
Stefanie Nickel hat die Interviews wissenschaftlich ausgewertet und daraus die Lehrkräftetypen entwickelt.
- App entwickelnIn talidu arbeitet ein überwacht trainierter Machine-Learning-Algorithmus, der typische Rechtschreibfehler vorhersagen kann.
- Lehrkräfte einbinden13 Lehrkräfte in Bayern und Queensland gestalten mit – in einem Research Forum, einzeln begleitet.
- Interviews führenLeitfadengestützte Einzelinterviews online, zu Haltung, Handeln, Zusammenarbeit und Rahmenbedingungen.
- Typen bildenQualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker mit MAXQDA, verdichtet zu vier Interaktionstypen.
Vier Dimensionen, vier Spannungsfelder
Die Auswertung folgt der Integralen Landkarte nach Ken Wilber (2000): Wer Veränderung verstehen will, schaut nach innen und nach außen, auf das Ich und auf das Wir. Jede Dimension spannt ein eigenes Feld auf, in dem sich Lehrkräfte bewegen. Feld antippen, um es zu öffnen.
Mindset
Haltungen, Überzeugungen, motivationale Orientierungen
Ein vollständig ablehnendes Mindset fand sich nicht. Die Spannweite reicht von Neugier und Freude bis zu Frustration und Unsicherheit – oft bei derselben Person.
„Dass die Kinder erkennen, das kann ich sonst nicht, das geht analog nicht.“
Handeln
Wissen, Fertig- und Fähigkeiten, Metakognition
Das Handeln reicht von innovativ-flexibel und schüler:innenzentriert bis zurückhaltend-pragmatisch und lehrkraftzentriert. Oft bleibt Technik ein Präsentationsmittel, statt Lernen zu verändern.
„Ich glaube, die Kinder brauchen jetzt Skills. […] Ich muss lernen, die richtigen Nachfragen zu stellen, um die Qualität zu sichern.“
Kultur
Werte und Normen, Bedeutungen, Narrative, Praktiken
Wo Teilhabe zählt, wird Verantwortung für das Lernen geteilt. Wo das Bedürfnis nach Kontrolle überwiegt, bleibt digitale Technik ein Zusatz zum bewährten Unterricht.
„Ich bin da nicht so frei und entlastet, dass ich sagen kann ‚Hey, sucht euch das selber‘ […]. Also es ist schon sehr vorgegeben von mir, ja.“
Struktur
Regeln, Ressourcen, Prozesse
WLAN, Endgeräte, Systembetreuung und Zeit entscheiden mit. Zugleich ist der Wunsch nach Fortbildung ausgeprägt – und nach klaren Regeln, die Verantwortungsdruck nehmen.
„Das Zeug muss eingesetzt werden und wir müssen uns Gedanken machen, wie wir das machen.“
Zitate: Lehrkräfte aus den talidu-Interviews (Nickel et al., 2025)
Die vier Typen
Die Typen beschreiben Muster im Umgang mit digitalen Technologien, keine festen Persönlichkeiten. Für die Arbeit mit Lehrkräften und Studierenden tragen sie inzwischen kurze Namen; darunter steht die Bezeichnung aus dem Artikel.
Enthusiast:in
Differenziert-versierte:r Technik-Enthusiast:in
innovationstreibend und partizipationsorientiert
Mindset
Handeln
Kultur
Struktur
MindsetInnovationsfreudig und offen, dabei kritisch-reflektierend. KI hat für die Gegenwart und Zukunft des Unterrichts hohe Bedeutung.
HandelnFlexibel, motiviert, selbstwirksam – mit einer klaren Vision, wie Technologie den Unterricht bereichert, ohne Bewährtes ganz zu ersetzen.
KulturPartizipativ: Schüler:innen und Eltern werden aktiv einbezogen, Lernen wird gemeinsam verantwortet.
StrukturBaut Strukturen eigeninitiativ auf und nutzt Fortbildungen, um sich zu vernetzen.
Rolle im KollegiumTreibt innovative Schulentwicklung voran und kann andere begeistern.
Was weiterhilftFreiheit in der eigenen Professionalisierung, Netzwerke und Communities of Practice.
Brückenbauer:in
Differenzierende:r Technologie-Mediator:in
kritisch-reflexiv zwischen Skepsis und Offenheit
Mindset
Handeln
Kultur
Struktur
MindsetOffen und abwägend. Digitale Technologien werden zielbewusst für die Lernbedarfe der Kinder ausgewählt.
HandelnKompetenzorientiert und strukturiert, analog und digital verbunden – aber nur bei erkennbarem Mehrwert für die Lernenden.
KulturPädagogische Verantwortung: eine Kultur der Unterstützung zwischen Routinen und Individualisierung, die auch Selbstreflexion fördert.
StrukturSetzt sich für bessere Ausstattung ein und bleibt kritisch gegenüber Überwachung und Datenschutzproblemen durch KI.
Rolle im KollegiumZentraler Motor der Transformation: verbindet offen-innovative und skeptische Perspektiven.
Was weiterhilftGezielte Unterstützung und Fortbildung, die zugleich Vernetzung ermöglicht.
Ausbalancierer:in
Reflektiert-pragmatische:r Technologie-Anwender:in
abwägend zwischen Tradition und digitaler Innovation
Mindset
Handeln
Kultur
Struktur
MindsetPragmatisch und lösungsorientiert. Offen für digitale Medien, mit wachem Blick für Überforderung und Datenschutz.
HandelnInstruktiv und strukturiert. Digitale Medien dienen gezielt der Differenzierung und individuellen Förderung.
KulturLehrkraftzentriert: Technik ergänzt und entlastet, ersetzt aber nicht die Steuerung durch die Lehrkraft.
StrukturWünscht entlastende Strukturen und kurze, praxisnahe Fortbildungen.
Rolle im KollegiumHält die Balance zwischen bewährtem Unterricht und neuen Technologien.
Was weiterhilftFortbildungen zu ethischen Fragen und zum Datenschutz.
Mehrwertsucher:in
Skeptisch-pragmatische:r Anwender:in mit entwicklungsorientiertem Potenzial
nutzenorientiert, auf Unterstützung angewiesen
Mindset
Handeln
Kultur
Struktur
MindsetZurückhaltend und nutzenorientiert. Die Frage nach dem Mehrwert steht im Vordergrund, die Kontrolle über den Unterricht soll bleiben.
HandelnPunktuell und ergänzend, am liebsten mit intuitiven Apps, etwa im Wochenplan oder in freien Arbeitsphasen.
KulturAnalog geprägt: Bewährte Methoden tragen, digitale Werkzeuge strukturieren einzelne Lernphasen.
StrukturFühlt sich durch fehlende Ausstattung und Unterstützung eingeschränkt – und will sich dennoch weiterentwickeln.
Rolle im KollegiumSteht für alle, die gezielte Unterstützung brauchen, um in der gemeinsamen Entwicklung gesehen und mitgenommen zu werden.
Was weiterhilftPraxisnahe Schulungen, die Unsicherheiten abbauen.
Die Lage auf den Skalen ist schematisch aus den Typenbeschreibungen abgeleitet, keine Messwerte. Links liegt jeweils skeptisch, vorstrukturiert, restriktiv oder bewahrend, rechts offen, flexibel, partizipativ oder innovativ.
Wo verortest du dich?
Schiebe die vier Regler dorthin, wo du dich gerade siehst. Der Kompass zeichnet dein Profil und zeigt, welchem Typ es am nächsten kommt.
Am nächsten liegt dein Profil bei: Brückenbauer:in
Ein Reflexionsimpuls, keine Diagnose: Die meisten tragen Anteile mehrerer Typen in sich, und Profile verändern sich. Im Seminarprojekt KI:LEB verorten sich Lehramtsstudierende in diesen Typen und reflektieren ihre Rolle als künftige Lehrkräfte.
Transformation braucht alle
Die digitale Transformation von Schule gelingt nicht mit den Begeisterten allein. Jeder Typ bringt eine eigene Stärke mit – vom Antreiben bis zum kritischen Nachfragen.
- Alle Typen einbeziehenStärken anerkennen und die unterschiedlichen Rollen im Kollegium nutzen.
- Partizipative KulturEine gemeinsam getragene Kultur, in der sich alle erproben und mit Unterstützung der Kolleg:innen entwickeln können.
- Passende FortbildungTypenspezifische Angebote mit typübergreifendem Austausch verbinden, etwa durch Showcasing und Diskussion.
Einschränkend gilt: Die befragten Lehrkräfte waren in die Entwicklung eingebunden und bilden eine Positivauswahl. Eine größere Stichprobe ist der nächste Schritt.
Honolulu, 2. bis 5. Dezember 2026
GriffLinC: Lesen fördern mit Ehrenamtlichen und KI
GriffLinC ist die Forschungsgruppe „Literacy in Context“ der Griffith University. Im gleichnamigen Projekt begleiten Ehrenamtliche ältere Kinder und junge Jugendliche, die noch nicht selbstständig lesen, in synchroner Eins-zu-eins-Leseförderung online. Ein Handbuch und die Struktur 2G6R geben den Rahmen; die Lesetexte entstehen mit generativer KI, passend zu Interessen und Leseniveau.
Structured Yet Adaptive
Unsere Teilstudie fragt, welche Aufgaben die Ehrenamtlichen bewältigen und was sie dazu befähigt. Grundlage sind 13 Interviews mit der Kohorte 2025 und 838 kodierte Segmente. Meike Munser-Kiefer und Stefanie Nickel stellen die Ergebnisse auf der 76. Jahrestagung der Literacy Research Association vor.
Die Leseinteraktion ist der Kern. 303 Aufgaben- und 142 Herausforderungs-Auszüge aus allen 13 Interviews betreffen die unmittelbare Lesesituation.
Drei Felder nehmen den meisten Raum ein. Leseförderung gestalten, Motivation und Aufmerksamkeit halten, mit eigener Unsicherheit umgehen.
Anpassung zählt mehr als Expertenwissen. Es kommt vor allem darauf an, sich auf das einzelne Kind einzustellen – getragen von Beziehung, Motivation und Reflexion.
Der Wille ist überall da. Manche bleiben in Teilen unsicher, anderen gelingt es, ihre Unterstützung auf jeden einzelnen Lernweg abzustimmen.
Wo die Arbeit liegt
Auszüge je Systemebene und Rolle nach Berge (2008). Dieselben vier Rollen prägen auch den Raum Distanzunterricht.
Kleine Zahl: aus wie vielen der 13 Interviews die Auszüge stammen. Für die Makroebene wurden sechs Kandidaten nicht gezählt.
Von der Unsicherheit zum eigenen Weg
Beziehung und Haltung
fordert wiederholt auf, findet aber keinen Weg zurück zur Aufgabe
pausiert nach Absätzen und verbindet den Text mit Erfahrungen des Kindes
Motivation durch Wahl
das Kind gibt die Themenwahl immer wieder zurück
lässt Bedenkzeit, das Thema kommt per Mail über die Mutter, die Verantwortung wächst mit dem Zutrauen
Umgang mit Frust
kennt die Schwierigkeiten, sucht aber konkrete Ideen
wartet nach Feedback länger, gibt gestufte Hinweise und ersetzt frustrierendes Wiederlesen durch Gespräche über den Text
Die Gegenüberstellungen zeigen Wege des Umgangs, keine Rangfolge von Personen. Für das Handbuch folgen daraus Empfehlungen zu typischen Situationen und klare Entscheidungshilfen, etwa zwischen Beziehungszeit und Lesezeit.
Wer mitgestaltet
Universität Regensburg
- Dr. Stefanie Nickelwissenschaftliche Auswertung und Entwicklung der Lehrkräftetypen; GriffLinC-Teilstudie
- Prof. Dr. Meike Munser-KieferLeitung L@digt.ED, gemeinsam mit Prof. Dr. Sven Hilbert; GriffLinC-Teilstudie
- Dr. Richard BöhmeApp talidu und Machine Learning
Griffith University, Brisbane
- Prof. Dr. Beryl ExleySchool of Education and Professional Studies
- Prof. Dr. Sarah PrestridgeSchool of Education and Professional Studies
- Dr. Danielle HeinrichsSchool of Education and Professional Studies
Quellen
- Nickel, S., Munser-Kiefer, M., Böhme, R., Heinrichs, D., Exley, B. & Prestridge, S. (2025). Lehrkräftetypen in einer Kultur der Digitalität – Implikationen für die Transformation der Unterrichtspraxis. Medienimpulse, 63(1). doi.org/10.21243/mi-01-25-30
- Nickel, S. & Munser-Kiefer, M. (2025). Lehrkräftetypen in einer Kultur der Digitalität. Vortrag, 33. Jahrestagung der DGfE-Kommission Grundschulforschung, PH Vorarlberg, Feldkirch.
- Munser-Kiefer, M. & Nickel, S. (2026). Structured Yet Adaptive: Non-Expert Volunteers’ Practices in a Scripted Support for Struggling Readers. Symposium „From Reading Struggle to Reading Strategy“, 76th Annual Conference der Literacy Research Association, Honolulu.
- Böhme, R., Coors, S., Oster, P., Munser-Kiefer, M. & Hilbert, S. (2024). Machine learning for spelling acquisition: How accurate is the prediction of specific spelling errors in German primary school students? Computers and Education: Artificial Intelligence, 6.
- Böhme, R., Munser-Kiefer, M. & Hilbert, S. (2026). Rechtschreiberwerb in der digitalen Welt. In Gebauer et al. (Hrsg.), Grundschulbildung zwischen Pädagogik und Fachdidaktiken (S. 245–255). Klinkhardt. pedocs
- Berge, Z. L. (2008). Changing instructor’s roles in virtual worlds. Quarterly Review of Distance Education, 9(4), 407–414.
- Wilber, K. (2000). A Theory of Everything. Shambhala.