Teilprojekt im Projekt Bildung 2.0

Doing Time

Eine qualitative Studie zu Zeitpraktiken im (Studien-)Alltag

Wie erleben Studierende ihre Zeit – zwischen Stundenplan und eigenem Rhythmus?

Ein Gedanke aus „Momo“

In Michael Endes Roman hütet Meister Hora die Zeit der Menschen. Uhren und Kalender können sie messen, über das Erleben sagen sie wenig: Eine Stunde kann sich endlos dehnen oder im Nu vorbei sein. Zeit, so lässt sich Ende lesen, ist gelebtes Leben – und nicht das, was die Uhr anzeigt.

Hier setzt Doing Time an: Es zeigt sich, dass Studierende ihre Studienzeit weniger nach der Uhr als nach ihrem Erleben ordnen.

Bezug: Ende, M. (1973). Momo. Stuttgart: Thienemann.

Uhrenzeit und Dauer

Henri Bergson unterscheidet die messbare, getaktete Uhrenzeit von der durée, der Dauer als qualitativer Zeit des Bewusstseins. Dauer lässt sich nicht in Einheiten zerlegen: Sie ist kein Nebeneinander, sondern ein kontinuierliches Ineinander. Vergangene Momente wirken fort und verändern die Gegenwart von innen heraus.

Wer ganz in einer Sache aufgeht, kennt etwas davon – nahe an dem, was Mihaly Csikszentmihalyi als Flow beschreibt. Studierende bewegen sich ständig zwischen beiden Zeitformen und müssen sie fortlaufend aushandeln.

DauerUhrenzeit
qualitativquantitativ
kontinuierlichgetaktet
nicht messbarmessbar
inneres Erlebenäußeres Bestehen

nach Bergson (1889/1994)

Das Spannungsfeld

SelbststeuerungEigenrhythmus, Resonanzbedürfnis, Unverfügbarkeit

Zwischen beiden Polen entstehen fortlaufende Aushandlungsprozesse (Rosa). Zeitregime der Hochschule – Verfügbarkeit, Effizienz, Linearität – strukturieren, welche Zeitpraktiken möglich werden und welche unsichtbar bleiben.

Ein kleines Zeitexperiment

Halte den Knopf gedrückt und lass los, wenn du glaubst, dass zehn Sekunden vergangen sind. Nicht mitzählen.

Gefühlt zehn Sekunden – und gemessen?

Das Gesamtprojekt: Bildung 2.0

Universität anpassen an Bedarfe und Bedürfnisse der Student*innen: ein mehrphasiges Mixed-Methods-Projekt am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik (Diversität) der Universität Regensburg. Doing Time arbeitet mit den Daten der dritten Station. Station antippen.

Tiefenstruktur

Studium Leben

Storyboards, Podcasts, Einzelinterviews

N = 17, aus der Fragebogenerhebung

Ein konkreter Tag im Studium

Forschungsfragen:

  1. Welche Zeitpraktiken lassen sich aus einem visuellen Selbstdokument des studentischen Alltags rekonstruieren?
  2. Welche Implikationen lassen sich für das Gestalten hochschulischer Lehr-Lern-Prozesse ableiten?

17 Lehramtsstudierende für die Grundschule gestalten ein Storyboard zu einem konkreten Tag ihres Studiums: typisch, besonders oder herausfordernd. Sie teilen den Tag in Stationen, zeichnen zu jeder Station eine einfache Skizze und beantworten Reflexionsfragen.

  • Wie habe ich mich gefühlt?
  • Was hat mir dieser Moment gebracht?
  • Was hat mir gefehlt?
  • Was will ich nicht, was brauche ich nicht?

Fall 01: acht Stationen eines Tages

Stark verfremdet und auf wenige Pixel reduziert. Bild antippen, dann beginnt es zu fließen.

  1. Stark verfremdete Szene: KücheKüche
  2. Stark verfremdete Szene: BusBus
  3. Stark verfremdete Szene: HörsaalHörsaal
  4. Stark verfremdete Szene: Natur, zu zweitNatur, zu zweit
  5. Stark verfremdete Szene: MensaMensa
  6. Stark verfremdete Szene: SeminarSeminar
  7. Stark verfremdete Szene: Natur, alleinNatur, allein
  8. Stark verfremdete Szene: SeminarSeminar

offen, resonantinstitutionell, fremdbestimmtunterwegs

Wie wir auswerten

Ethnografisch angelegt (Breidenstein et al.), rekonstruktiv und inhaltsanalytisch (Kuckartz & Rädiker). Zeitpraktiken werden als soziale und leiblich-affektive Vollzüge verstanden: Weisen, in denen Zeit hervorgebracht, strukturiert und erlebt wird. Analysiert werden einzelne Bilder – Körperhaltung und Blick, Raumarrangements, Farbe und Atmosphäre.

  1. InduktivsequenzanalytischIn der Küche: Der Student trinkt Kaffee. Die Augen sind offen. Er lächelt.
  2. Deduktivmit der „Bergson-Brille“Kaffeemachen: selbstgesteuerte, rhythmisierte Dauer – eigenrhythmisch, kaum äußerlich getaktet.
  3. Zusammenfassungdes ganzen StoryboardsPendelbewegung zwischen institutionellen Lernräumen und sozialen, naturnahen Räumen.
  4. Fallvignetteder Fall als kurze Erzählung

Gütekriterien nach Steinke: Relevanz, konsensuelle Validierung, intersubjektive Nachvollziehbarkeit, Zusammenarbeit in der Forschungswerkstatt.

Vier Fälle, vier Bewegungen

Studierende strukturieren ihre Studienzeit nicht in erster Linie entlang formaler Taktungen. Es dokumentiert sich eine subjektiv rhythmisierte, in den Alltag eingebundene Zeitlichkeit – in jedem Fall mit einer eigenen Bewegung.

Fall 01

Pendelbewegung zwischen Ausharren und Aufleben

Fremdbestimmt und resonanzarm in institutionellen Lernräumen, offen und resonant in sozialen und naturnahen Räumen.

Fall 02

Wellenbewegung zwischen Verdichten und Loslassen

Fall 03

Verschiebungen zwischen Abschirmen und Funktionalisieren vs. Re-Stabilisieren

Fall 04

Barometer tendiert zum Absinken bis hin zur Stagnation

Die Zeitpraktiken – etwa Eigenzeit, Wartezeit, Fremdzeit, Resonanzzeit und Zwischenzeit – sind eng an soziale Beziehungen gebunden.

Kernbotschaft

Zeit als Bildungsraum

Hochschullehre und Unterricht gestalten nicht nur Inhalte, sondern Zeit: Sie schaffen Übergänge, ermöglichen Resonanz, schützen Eigenzeit und eröffnen Räume, in denen Studierende nicht nur funktionieren, sondern lernend teilhaben können.

BeobachtenZeit wahrnehmen: nicht nur Leistung und Anwesenheit, sondern die gelebten Zeitbedingungen.
BeurteilenStrukturen auf Fairness prüfen: Fördern Prüfungs-, Feedback- und Anwesenheitslogiken das Lernen?
BefähigenZeit gestalten statt nur füllen – angehende Lehrkräfte brauchen solche Erfahrungen selbst.

Wer forscht

Projektleitung Bildung 2.0

Prof. Dr. Meike Munser-Kiefer

Koordination und Forschungsbegleitung

Dr. Stefanie Nickel

insbesondere Datenauswertung

Projektbeteiligte

Elisabeth Dötter-Burnickl, Nadine Neubauer, Prof. Dr. Richard Böhme

Vortrag: Doing Time im Studium. Eine qualitative Studie zu Zeitpraktiken im (Studien-)Alltag. 5. Grazer Grundschulkongress, Juli 2026 (Nickel, Dötter-Burnickl & Munser-Kiefer).

In Vorbereitung: Beitrag für den Tagungsband des 5. Grazer Grundschulkongresses.

Fachliche Bezugspunkte
  • Bergson, H. (1889/1994). Zeit und Freiheit. Über die unmittelbaren Bewusstseinstatsachen. Hamburg: Meiner.
  • Breidenstein, G. et al. (2020). Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung (3. Aufl.). München: UVK.
  • Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The psychology of optimal experience. New York: Harper & Row.
  • Ende, M. (1973). Momo. Stuttgart: Thienemann.
  • Kohli, M. (1985). Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 37(1), 1–29.
  • Koller, H.-C. (2018). Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse (2. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.
  • Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2024). Qualitative Inhaltsanalyse (6. Aufl.). Weinheim: Beltz Juventa.
  • Löw, M. (2001). Raumsoziologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Rosa, H. (2005). Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Rosa, H. (2018). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
  • Steinke, I. (2019). Gütekriterien qualitativer Forschung. In U. Flick, E. von Kardorff & I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek: Rowohlt.